LebensWert | Bericht | Jakobsweg 2010
Mein Jakobsweg von Teilnehmerin Elke
Jakobsweg. „Das ist vielleicht was für ältere Leute, aber nicht für mich“, so dachte ich vor nicht allzu langer Zeit, bis ich vom Projekt der Sporthochschule Köln über Haus Lebenswert erfuhr. Da ich mein Leben lang Sport getrieben hatte und ich seit 2005 auch Brustkrebspatientin war, änderte sich meine Einstellung. Warum eigentlich nicht?? Sportlich - nach meiner Erkrankung - durchaus eine Herausforderung: 900 km und 10.000 Höhenmeter wären zu bewältigen! Also war ich dann doch „mal weg“, und der Weg lehrte mich, was für Vorurteile ich anfangs doch gehegt hatte.
Jetzt, wieder zuhause, bin ich immer noch begeistert (im wahrsten Sinne des Wortes). Von wegen ausschließlich sportlich! Vielmehr meine ich, etwas vom Geist der Pilgerschaft erfahren zu haben, und – es hat mich (wie Familie, Freunde und Bekannte es auch treffend bemerkten) verändert! Und zwar nicht nur, weil ich nun auch wieder in meinem Körper zuhause bin…
Wandern? Wanderwege sind abwechslungsreich, sie führen durch schöne Landschaften, laden zum Verweilen ein… Pilgern! Pilgerwege sind anders. Es sind Wege, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und zur Kontemplation über den eigenen Lebensweg einladen. Sie bieten täglich neue Herausforderungen: 4 Klimazonen mit Frost und Sonne, Kälte und Hitze, Regen und Schnee, Sommerbrise und Sturm; die Frage, wo ich heute Nacht schlafe, esse und meine Blasen auskuriere, welchen Menschen ich begegne und vor allem: Ob ich mir selbst begegne – denn trotz mancher ‚Pilgerautobahnen‘ gab es auch stundenlange eintönige Einsamkeit. Natur und Tierwelt in vielfältiger Form, ärmliche Dörfer, freundliche Bevölkerung und nicht zuletzt geistige Verwandtschaft unter den Pilgern, gepaart mit liebevoller Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Erstaunlicherweise auch Pilger jeden Alters und in den kirchlichen Herbergen, in denen ich zumeist nächtigte, herzliche Hospitalieros, die es verstanden, den Pilgern durch gemeinsames Kochen, Essen und Andachten ein in der heutigen so geschäftigen Welt vielleicht schon längst verloren geglaubtes Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln.
Was mir der Pilgerweg gegeben hat, ist die starke Erfahrung der Gegenwart. Kein Gestern, kein Morgen – nur Jetzt! Meditation im Gehen und dadurch Entspannung, gelebte Akzeptanz der Pilger untereinander und bereichernde Gespräche über Gott und die Welt.
Für mich persönlich bedeutet der Weg das Ende einer langjährigen Auseinandersetzung mit mir selbst und meinem Schicksal. Gleichzeitig markierte er einen Neuanfang mit dem wohltuenden Gefühl, alle Katastrophen meines Lebens hinter mir gelassen zu haben, der Fähigkeit wirklich vergeben zu können, und offen und entspannt dem neuen Lebensweg entgegenzusehen.
Ich bin dankbar für meine Vergangenheit, die mich erst zu dem hat werden lassen, was ich nun bin. Alle Bitterkeit ist verschwunden und ich bin ganz einverstanden im Hier und Jetzt. In den Stunden, in denen ich völlig allein in einer endlos scheinenden weiten Ebene wanderte, hatte ich das elementare Erlebnis des Beschütztseins.
Sinnbildlich begann mein Leben als ein wirres Wollknäuel, das mir zu meiner Geburt mitgegeben wurde, und nun ist daraus ein wohltuend wärmender, wunderschöner Pullover geworden. Er ist kunterbunt und passt mir wie angegossen. Ich werde ihn immer dann überziehen, wenn ich einmal mutlos werde sollte, und dann der Freude und Fülle des Lebens gedenken, dem Salz in der Suppe und der Würze des Lebens, die alle Traurigkeit verblassen lässt.
Ich danke von Herzen meiner Familie, die mich immer unterstützt hat und mir diese Reise erst ermöglicht hat. Außerdem bedanke ich mich bei den Mitarbeitern von Haus Lebenswert die mir durch ihre vielfältigen Angebote während und nach meiner Krankheit viel Freude und Zuversicht geschenkt haben.
Einige Eckdaten der Reise
6.4.2010 Flug von Köln-Wahn nach Bilbao
6.4.2010 anschließende Busfahrt von Bilbao nach Bayonne
7.4.2010 Busfahrt von Bayonne nach Staint- Jean- Pied-de-Port
7.4.2010 Start der Pilgerwanderung von Staint-Jean-Pied-de-Port
7.5.2010 Ankunft in Santiago de Compostella nach 31 Tagesetappen
Tägliche Laufzeit inklusive Pausen: 4-10 Stunden , zwischen durchschnittlich 28-37 km.
8.5.2010 Fortführung der Pilgerwanderung von Santiago nach Finisterre
10.5.2010 Ankunft in Finisterre nach 3 Tagesetappen und weiteren 100 km
18.5.2010 Nach 8 Tagen Aufenthalt in Finisterre und täglichen leichten Wanderungen zum Kap Finisterre und nach Muxia fliege ich von Santiago wieder nach Köln. Glücklich zufrieden und voll von Erinnerungen an eine erlebnisreiche, wohltuende Reise in Einfachheit.




